Joachim Gerd Ulrich

Dr. Joachim Gerd Ulrich

Der Diplom-Psychologe und Sozialwissenschaftler Joachim Gerd Ulrich. Abteilungsleiter Joachim Gerd Ulrich: Double Reality Der " Nationalpakt für Bildung und qualifizierten Nachwuchs in Deutschland " (kurz: " Ausbildungsvertrag "), in dem sich Industrie, Bund und Agentur für Arbeit zusammengefunden haben, zieht ein durchweg optimales Resümee für 2009: Ungeachtet der wirtschaftlichen Krise sei es möglich gewesen, "jedem jungen Menschen eine Berufsausbildung anzubieten, der bereit und in der Lage ist, eine Berufsausbildung zu absolvieren". Es gab am Ende wieder "mehr offene Stellen als ungelöste Bewerber", und das Ausbildungsplatzangebot hatte mittlerweile gar die Anforderungen weit überschritten.

DER NATIONALE PARTNER FÜR DIE AUS- UND WEITERBILDUNG JUGENDLICHER FÄHIGER IN DEUTSCHLAND 2009). Es fehlte der Volkswirtschaft wenn überhaupt, weil den Unternehmen bereits die Ausbildungsplatzbewerber ausgegangen waren (SCHWANNECKE 2009). Obwohl die Bedarfsmenge demografisch bedingt zurückgegangen war, konnte von "einem ausgewogenen Lehrstellenmarkt oder gar einem wählbaren Lehrstellenangebot im Jahr 2009" keine Rede sein.

Betrachtet man den Anteil der jungen Menschen, die trotz des Einstiegs in eine Variante ihren Ausbildungsplatzanspruch beibehalten, so verbleibt eine Lehrstellenlücke von gut 60000 Stellen oder 10%" (AUTORENGRUPPE BILDUNGSBERICHTERSTATTUNG 2010, 102). Es gab noch zu viele Altbewerber, deren Schulabschluss "dem anderer Studienbewerber entsprach", die aber "bei erneuter Bewerbung" "schlechtere Vermittlungschancen hatten als andere Bewerber".

Lediglich fast die Hälfe von ihnen mit maximalem Hauptschulabschluss oder mittlerem Bildungsabschluss schaffen den Einstieg in die Berufsausbildung; sie absolvieren öfter als andere Antragsteller eine Berufsausbildung, die ihren Ausbildungsanforderungen nicht entspricht" (AUTORENGRUPPE BILDUNGSBERSTATTUNG 2010, 97). Handelt es sich bei den Beschwerden der Ökonomie, dass die Unternehmen keine Antragsteller mehr finden, um die öffentliche Wahrnehmung von einem viel zu kleinen Lehrangebot abzulenken?

In der demographischen Entwicklungsphase ist nämlich der chronische Zerfall schon lange eingetreten (siehe Abbildung 1). Der Anteil junger Menschen nimmt ständig ab. So wird die Anzahl der Menschen im Alter von über 85 Jahren, die zum Zeitpunk der Vereinigung fast 1,2 Millionen betrug, 2010 rund 1,9 Millionen erreichen, bis 2020 auf 2,6 Millionen ansteigen und bis zu Beginn der 2050er Jahre 6 Millionen überschreiten (STATISTISCHE BUNDESKOOPERATION 2010b).

Der Anteil junger Menschen nimmt ständig ab. Nach dem Fall des Kommunismus sank die Geburtenrate im Zuge der zu steuernden Transformationsprozesse stark (FUCHS/ZIKA 2010, 7). Während zu Jahresbeginn 171.000 junge Menschen, die nicht für den Hochschulzugang qualifiziert waren, die allgemeinbildende Schule (Hauptklientel der innerbetrieblichen Ausbildung) verlassen haben, werden es in diesem Jahr fast 74.000 sein (vgl. Abbildung 3), also nur zwei fünftel der damals üblichen Zahlen (KAU et al. 2010, 76).

Die Bildungsmarktstatistik der BA verdeutlicht in den Maizahlen, dass ostdeutsche Unternehmen innerhalb weniger Jahre vor einer ganz anderen Situation stehen. So gab es im Jahr 2005 in der Schweriner Raumordnung 332 Antragsteller pro 100 innerbetriebliche Ausbildungsplätze, während es im Jahr 2010 nur 74 Antragsteller gab (BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT 2010). Im Jahr 2010 gab es nur 74 Antragsteller.

Doch für die jungen Menschen in Ostdeutschland ist der Bevölkerungsrückgang zunächst mit einem lang ersehnten Glück sspiel verknüpft. Zahlreiche junge Menschen, allen voran Frauen, mussten vorher in die alten Bundesländer einwandern; teilweise waren es rund 16.000 pro Jahr (vgl. Ulrich /HRENTHAL / HÄFNER 2006). Andererseits haben junge Menschen in Ostdeutschland heute wesentlich bessere Ausbildungschancen als in Westdeutschland.

Bereits im vergangenen Jahr war Mecklenburg-Vorpommern das Bundesland mit der besten Angebotsbilanz, oft unter den Tailendern der bisherigen 16 Staaten (ULRICH/FLEMMING/GRANATH 2010, 40). Ausgehend von den aktuellen Zeichen (Zwischenergebnisse der Arbeitsvermittlungen Ende Mai) ist für dieses Jahr zu erwarten, dass der Anteil der bei der Arbeitsagentur angemeldeten Ostbürger, die in eine Berufsausbildung gehen, von 58% im Vorjahr (vgl. Abbildung 2) auf 67% steigen wird.

Weil sich im Rahmen des Berufswahlverfahrens einige Antragsteller in allen Jahren ungeachtet der Ausbildungsmarktsituation für eine Ausbildungsalternative (z.B. Studien, Schulbildung, Abitur) entscheiden, kommt eine Vermittlungsquote von 67% bereits einer sehr guten Angebotssituation sehr nah (vgl. auch Abb. 3).

Aber auch die Tatsache, dass in Ostdeutschland bisher vergebliche betriebliche Ausbildungsplatzbewerberinnen und -bewerber mit einer weitaus konsequenteren Vollqualifizierung als in den neuen Bundesländern zur Verfügung stehen, tragen zu den nun auch für junge Menschen in Ostdeutschland erreichbaren günstigen Ausbildungsmöglichkeiten bei (vgl. EBERHARD/ULRICH 2010 (im Druck)). Andererseits bleiben im westlichen Raum ausbildungsbereite, aber nicht erfolgreiche Ausbildungsplatzbewerber viel eher im sogenannten "Übergangssystem" von Ausbildungsgängen, die nur Teilqualifikationen vermitteln.

Im Jahr 2009 sind von den 430.609 bei den Arbeitsämtern und Konsortien (ARGEn) gemeldeten Lehrstellenbewerbern nur 193.039 (45 %) in eine Berufsausbildung gelangt (vgl. Abbildung 2). Hierbei ist zu beachten, dass die Arbeitsvermittlungen und Gemeinschaftsunternehmen nur diejenigen Jugendliche als "Ausbildungsplatzbewerber" aufführen müssen, "die im abgelaufenen Jahr in einem nach dem Bundesgesetz über die Berufsbildung anerkannte Ausbildungsberufe individuell in eine innerbetriebliche oder externe Berufsausbildung aufnehmen wollen und deren Angemessenheit für einen solchen Beruf klargestellt wurde oder deren Vorraussetzungen erfüllt sind" (BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT 2009, 5).

Zwar wurden mehr als die Hälfe aller gemeldeten Antragsteller nicht auf einen Ausbildungsplatz gesetzt, aber nur 6.903 (2%) aller Antragsteller wurden als "unversorgt" erachtet. Wenn sich junge Menschen nach längerer Suche für eine andere Tätigkeit entscheiden (sei es zur Arbeit, zur Verlängerung der Karenzzeit oder zum Besuch einer Ausbildung), werden sie als "bereitgestellte Kandidaten" klassifiziert.

Im Jahr 2009 befanden sich 67.280 oder 16% aller Anmelder (Abbildung 2 und Abbildung 3) allein in Westdeutschland. Alle diese jungen Menschen gehören weder zu den vergeblichen Lehrstellenbewerbern noch zu den Lehrstellenbewerbern in der Ausbildungsmarktsituation des Ausbildungspakts (vgl. auch ULRICH 2005). Dabei wird neben den neuen Auszubildenden nur die verhältnismäßig geringe Anzahl von Bewerbern herangezogen, die am Stichtag keine denkbaren Alternativen hatten (z.B. Maßnahmen, Praktika, erneuter Besuch der Schule, Überbrückungsarbeit).

Letztere sind oft älter als die Antragsteller, die im Rahmen der Übergangsregelung keinen Anspruch mehr auf neue Regelungen haben. Demgegenüber hat der (größere) Teil seinen Vermittlungsantrag nur auf das nächste Jahr verschoben (ULRICH 2006). Dazu gehören z.B. Studienbewerber, die nach erfolgloser Bewerbung jetzt eine Grundqualifikation oder ein längerfristiges Berufspraktikum ablegen, aber im Folgejahr wieder auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sein werden.

Damit steht die in den vergangenen Jahren regelmässig beobachtete und im " Nationaler Ausbildungsbericht " ebenso als ebenso krisenhaft bezeichnete große Anzahl von Altbewerbern (siehe oben) auch im Zusammenhang mit der großen Anzahl von ausbildungsbereiten, aber nicht erfolgreichen Bewerbern, die in den Vorjahren in eine Alternative geraten sind, aber mit diesen Handlungsalternativen gar nicht zurechtkommen wollten und könnten (vgl. ULRICH/KREKEL 2007, 6f.).

Dadurch war es möglich, im Vergleich zu den Befragten des Ausbildungsplatzes im Jahr 2009 mehr Ausbildungsplätze zu identifizieren (NATIONAL TRAINING AND VET/PET SLOW PAKT IN GERMANY 2009) und sich gleichzeitig der klaren Beanstandung des National Education Report zu stellen, dass es keine Frage von "einem ausgewogenen Ausbildungsplatzmarkt oder gar einem wählbaren Lehrstellenangebot im Jahr 2009" geben kann ( AUTORENGRUPPE BILDUNGSBERSTATTUNG 2010, 102).

Im Jahr 2009 dürften die tatsächlichen Zahlen der Ausbildungsplatzbewerber, die sich stark für eine Berufsausbildung interessierten, noch größer sein als im National Education Report angegeben. Neben den oben erwähnten Bewerberinnen und Bewerbern, die zu diesem Stichtag noch auf der Suche sind (ob mit oder ohne Alternative), gibt es daher weitere Bewerberinnen und Bewerber, für die der Vermittlungsvertrag auf eigenen Verlangen gekündigt wurde, ohne dass sie in eine Berufsausbildung gelangen (vgl. Abbildung 2).

Dagegen hat der (größere) Teil seinen Vermittlungsantrag nur auf die nächsten Jahre verschoben (ULRICH 2006). Dazu gehören z.B. Studienbewerber, die nach erfolgloser Bewerbung jetzt eine Grundqualifikation oder ein längerfristiges Berufspraktikum ablegen, aber im Folgejahr wieder auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sein werden. Damit steht die in den vergangenen Jahren regelmässig beobachtete und im " Nationaler Ausbildungsbericht " ebenso als ebenso krisenhaft bezeichnete große Anzahl von Altbewerbern (siehe oben) auch im Zusammenhang mit der großen Anzahl von ausbildungsbereiten, aber nicht erfolgreichen Bewerbern, die in den Vorjahren in eine Alternative geraten sind, aber mit diesen Handlungsalternativen gar nicht zurechtkommen wollten und könnten (vgl. ULRICH/KREKEL 2007, 6f.).

Unter den gegebenen Umständen ist auch in Westdeutschland für 2010 mit einer weiteren Besserung der Ausbildungsmöglichkeiten junger Menschen zu erwarten. Das trifft zu, auch wenn nach der Vorhersage des BIBB für 2010 (KAU et al. 2010) ein erneuter Einbruch des Ausbildungsangebots nicht auszuschließen ist (siehe Grafik 3).

Bei einer Fortsetzung des bis Ende May zu beobachtenden positiven Trends in der Bildungsmarktstatistik der Arbeitsmarktverwaltung könnte der Anteil der Ausbildungsplatzbewerber, die in eine Berufsausbildung gelangen (2009: 45%), wieder auf weit über 50% steigen. Der Grund dafür ist, dass die Anzahl der Ausbildungsplatzbewerber, die zunächst in eine Alternative geraten, um es in den folgenden Jahren als Altbewerber noch einmal zu probieren, im Jahr 2010 noch zu hoch wäre.

Auch wenn die Anzahl der Schulabgänger in Deutschland mittlerweile stark zurückgegangen ist, gibt es immer noch zu viele Schulabgänger, die trotz ihrer nachgewiesenen Begabung nicht schnell genug in die Ausbildung einsteigen. Aber nicht nur aus sozial- und integrations-politischen Gründen (Migranten sind bei Altbewerbern überrepräsentiert), sondern auch, um den nicht mehr zu vermeidenden Fachkräftemangel zu mildern, muss dieses Ausbildungspotential schneller und besser ausgenutzt werden.

Die provisorische Geburtenrate für 2009 hat das Statistikamt am 16. Juni 2010 bekannt gegeben. Die Volkswirtschaft ist daher durch einen eklatanten Mangel an Fachkräften auch unterhalb des Hochschulniveaus (FUCHS/ZIKA 2010) und einen zunehmenden Mangel an Waren und Leistungen für alle Menschen in unserer Gemeinschaft bedroht. Jetzt endlich auch die jungen Menschen, die noch keinen Berufsabschluss haben.

Derzeit ist das jeder Siebente (!) junge Mensch (KREKEL/ULRICH 2009).

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